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Grüße aus Finnland

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Pauline Wolf(Pulu), eine unserer talentiertesten Floorballspielerinnen , verbringt ein Schuljahr in Finnland. Hier schreibt sie über ihre ersten Eindrücke:

Hannover, 30.07.2014, 10:00:
Der Beginn des wohl aufregendsten Jahres meines Lebens, das mir nun unmittelbar bevor steht. Es war kaum zu realisieren, dass ich nun wirklich für knapp 11 Monate in einer fremden Kultur mit mir noch fremden Leuten leben werde. Das Ziel an diesem Tag: von Hannover über Frankfurt nach Helsinki.
Mein Austauschjahr begann für mich mit einem Vorbereitungsseminar in Virrat, einem kleinen Ort in der Mitte Finnlands mit ungefähr 60 anderen Austauschschülern aus aller Welt, bevor ich meine Gastfamilie traf. Die Aufregung der ersten Wochen ist nicht mit Worten zu beschreiben, alles verlief so schnell. Mit meinen Gastschwestern (14 und 19 Jahre), meinen Gasteltern und unserem Zwergcollie lebe ich für ein Jahr zusammen. Zur Familie gehört außerdem auch noch mein 22jähriger Gastbruder, der allerdings nicht mehr bei uns Zuhause wohnt. Ich wohne in der 8.000-Einwohner-Stadt Muhos, ca. 30km südlich Oulus, einer der größten Städte in Finnland. Oulu befindet sich an der Westküste Finnlands auf Höhe der Mitte. Allerdings spricht vor Ort jeder von „Nordfinnland“, da in Lappland nicht viele Menschen wohnen. Man kann auch schon fühlen, dass man sich im Norden Finnlands befindet – die Durchschnittstemperaturen im September betrugen 10°C, während es in Deutschland ca. 25°C waren, vor zwei Wochen hat es auch das erste Mal geschneit.
Doch halt, da wäre ja noch eine Frage. Wieso denn eigentlich Finnland? Spricht man da Finnisch, oder was spricht man da? Ist es dort nicht das ganze Jahr kalt und dunkel? Dies sind wohl die Fragen, die mir im letzten Jahr gestellt wurden. Und was ich darauf antwortete? Die Idee für ein Austauschjahr kam mir schon sehr früh in den Sinn. Auf sich allein gestellt zu sein, Probleme alleine zu lösen, eine neue Kultur kennenzulernen, und natürlich Freunde und eine neue Familie in einem fremden Land zu finden – all dies waren gute Gründe für ein Auslandsjahr. Und warum Finnland? Nun ja, ich denke, dass viele ein Austauschjahr in den USA verbringen. Doch das hat mich nie wirklich interessiert. Gerade die Herausforderung, eine neue Sprache zu lernen und die Tatsache, eine Sprache zu können, die nicht jeder spricht, waren für mich ausschlaggebend. Natürlich würde ich lügen, wenn ich sage, dass die Länderwahl durch den Floorballsport nicht beeinflusst worden wäre. Allerdings stand das für mich immer im Hintergrund. Vielmehr habe ich mich für Land und Leute interessiert. Aber gerade auch der gute Ruf der Lebensweise und der Schule in Skandinavien hat meine Wahl sehr bestärkt. Hier vor Ort werde ich oft danach gefragt, wieso ich denn nicht nach Schweden gehen wollte, jedoch weiß ich darauf nie eine Antwort. Ich habe mich einfach für die finnische Kultur, Lebensweise und die finnischen Menschen mehr interessiert.
Ungefähr eine Woche nach meiner Ankunft hatte ich das erste Training. Zum Glück kann ich direkt in Muhos spielen und habe nur 10 Minuten Weg mit dem Fahrrad. Schnell bemerkte ich, dass sich mein Team der „Muhoksen urheiljat“ (= Muhos‘ Sportler) sehr darüber freute, dass ich nun für die kommende Saison bei ihnen spielen werde. Es dauerte nicht lange, bis ich zu 100% im Team integriert wurde und ich bin sehr zufrieden, hier spielen zu können. Mein Team ist ein Mädchen U17 Team, das auf dem Großfeld spielt und in der letzten Saison Regionalmeister im Großraum Oulu geworden ist. Allerdings wird das dieses Jahr etwas schwieriger, da wir nun eine Altersklasse höher und auf Landesebene spielen. Das bedeutet, dass wir auch den 8-stündigen Weg nach Helsinki auf uns nehmen müssen und allgemein die Wege in die südlichen Städte. Gespielt wird, wie ich bereits schon erwähnt habe, auf dem Großfeld. In einem der ersten Trainings habe ich nachgefragt, ob wir auf dem Groß- oder Kleinfeld spielen. Da haben mich meine Mitspielerinnen nur etwas verwirrt angeguckt und gefragt, ob die Frage ernst gemeint sei. In Finnland wird so gut wie nur auf dem Großfeld gespielt, wovon man in Deutschland ja auf gar keinen Fall ausgehen kann, speziell im Mädchen- und Damenbereich. Die Saison wird Mitte Oktober beginnen, bereits letzte Woche hatten wir das erste Testspiel, in dem ich direkt zu spüren bekommen habe, dass es auf dem Feld etwas anders zugeht als in Deutschland. Harter Körpereinsatz steht an der Tagesordnung! Allerdings nur im Spiel und nie im Training und deshalb war ich sehr überrascht, dass ich in meinem ersten Zweikampf sofort hinter die Bande befördert wurde. Auch technisches und taktisches Verständnis ist in Finnland viel höher als in Deutschland. Dabei gehe ich vom weiblichen Bereich aus, demzufolge kann man sich vorstellen, wie es im männlichen Bereich aussieht.
Alle meine Teamkameradinnen gehen auch mit mir zusammen aufs Gymnasium (finnisch: „lukio“), das sich 500m von meinem Haus entfernt befindet. Hier gehe ich in die zweite Stufe des Gymnasiums, was der 11. Klasse eines deutschen Gymnasiums entspricht. Die Schule in Finnland unterscheidet sich komplett vom deutschen Schulsystem. Die Grundschule geht von der ersten bis zur sechsten Klasse. Klasse 7-9 bilden die Sekundarschule. Bis zur 9. Klasse gehen alle zusammen auf eine Schule und danach kann man entscheiden, ob man aufs Gymnasium oder auf die Berufsschule gehen möchte. Das Gymnasium geht dann noch einmal 3 Jahre. Anders als in Deutschland gibt es 5 Abschnitte (= jaksot) pro Schuljahr, in denen man immer seine Kurse selbst wählt und demzufolge nie im Klassenverband Unterricht hat, obwohl es Klassen gibt. In jedem jakso hat man andere Kurse, die sich wiederum vom Stoff und Umfang nicht wesentlich von deutschen Schulfächern unterscheiden. Die Anzahl der Kurse kann variieren, momentan befinde ich mich im 2. jakso und habe hier 6 Kurse, die jeweils 3 Wochenstunden á 75 min. umfassen. Die Schule beginnt immer um 08.20 und endet spätestens um 15.40. Finnische Schulen bieten jeden Tag kostenloses und frisches Mittagessen in der Schule an, das auch wirklich jeder Schüler wahrnimmt. Außerdem ist jeder Raum mit Beamer und Laptop ausgestattet, Tafeln werden durch Whiteboards ersetzt. In den Freistunden wird es auch nie langweilig, da wir eine Wii in unserer Schule haben, die jeder nutzen kann und eine Cafeteria, in der man sich einfach mit Freunden zusammen aufhält und Kaffee oder Tee trinken kann. Das Schüler-Lehrer-Verhältnis unterscheidet sich ebenfalls erheblich zum deutschen. Im Finnischen wird selten eine Person mit „Sie“ angesprochen. Es gibt diese Form zwar, aber niemand sagt das. Und so werden auch die Lehrer mit „Du“ und ihrem Vornamen angesprochen, was in den ersten Wochen wirklich sehr ungewohnt für mich war, woran ich mich allerdings auch schnell gewöhnen konnte. Dadurch herrscht einfach ein viel angenehmeres Klima in der ganzen Schule, alles wirkt freundschaftlich und auch etwas familiär, das durch die Tatsache, dass wir auch nur 200 Schüler haben, noch bestärkt wird. Jeder kennt jeden und vor allem, jeder kennt die zwei Austauschschüler und sobald dein Fahrrad geklaut wird, weiß es am nächsten Tag die komplette Schule und spricht dich darauf an.
Ein besonderes Erlebnis mit der Schule hatte ich bereits Ende August – für 3 Tage waren wir im Süden Lapplands wandern und zelten. Mit zwei anderen Mädchen war ich zusammen in einem Zelt, wir mussten uns selber um die Zubereitung unseres Essens kümmern und wir hatten eine Menge Spaß. Insgesamt sind wir in den 3 Tagen 30km durch die einmalige Landschaft Lapplands gewandert, was für mich eine wirklich eindrucksvolle Erfahrung war. Die Luft ist dort sehr sauber und selbst das Wasser ist so klar und sauber, dass man es sogar sofort und direkt aus den Flüssen und den Seen trinken kann.
Ein Problem gibt es für mich allerdings in der Schule, und zwar ist das die Sprache. Zugegeben, finnisch ist wirklich sehr schwierig und verwirrend, vor allem in der Schule. Allerdings merke ich, dass es langsam voran geht, speziell mit dem Verstehen. Einzelne Wörter kann ich schon verstehen und weiß daher im Groben, worum es gerade geht. Außerdem habe ich ein Sprachbuch, mit dem ich fleißig lerne und meine Freunde sind auch immer sehr engagiert, mir alles zu erklären und immer wieder neue Sachen beizubringen, so natürlich auch meiner Gastfamilie. Es ist zwingend erforderlich, die Sprache zu lernen, da es wirklich alles einfacher macht – sei es die Kommunikation in der Familie oder auch natürlich in der Schule oder beim Einkaufen. Viele Finnen können zwar sehr gut Englisch, wollen aber kein Englisch sprechen, da sie Angst davor haben, Fehler zu machen und denken, dass sie es nicht gut können. Ansonsten sind die Finnen sehr liebenswerte Menschen. Sie haben einen großen Sinn für Humor, sind ziemlich leicht zu beeindrucken (es reicht, wenn man schon etwas auf Finnisch sagt, was man z.B. gerade neu gelernt hat und sie freuen sich darüber riesig) und sind einfach viel offener und freundlicher als die Deutschen. Sportverrückt natürlich, nichts ist für meinen Gastpapa wichtiger als die Ergebnisse seines Eishockeyteams. Das größte Vorurteil ist, dass Finnen sehr schüchtern und ruhig wären. Davon kann ich überhaupt nicht sprechen. Ganz im Gegenteil. Sie sind sehr interessiert und wollen sofort etwas mit dir unternehmen. Natürlich gibt es auch ruhige und zurückhaltende – aber die gibt es in Deutschland auch und das sind meiner Meinung nach in Finnland nicht mehr.
Nun, das sind die Erfahrungen der letzten 2 Monate, die sich bei mir am stärksten eingeprägt haben. Außerdem kann ich überhaupt nicht fassen, dass wirklich schon 2 Monate vorbei sind und in etwas mehr als zwei Monaten schon Weihnachten sein soll. Doch was ich realisiert habe ist, dass ich wirklich Zuhause angekommen bin – in Muhos in Finnland.

Vorbereitungsseminar in Virrat

Vorbereitungsseminar in Virrat

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